In der politischen Kommentierung begegnet uns derzeit ein faszinierendes Phänomen: die demonstrative Fassungslosigkeit. Erfahrene Beobachter und Analysten, die jahrelang die Mechanismen der Macht seziert haben, geben sich plötzlich „ratlos“. Man „verstehe nicht“, wie es zu dieser Entscheidung kommen konnte; man sei „befremdet“ über jenen Wahlausgang oder „erstaunt“ über die Motive bestimmter Akteure.
Doch wer genau hinsieht, erkennt: Dieses Unverständnis ist meistens eine bloße rhetorische Figur. Es ist die Maske für eine viel tiefere, schmerzhaftere Erkenntnis – das Nicht-Einverstanden-Sein.
Die Flucht in die Verwunderung
Warum tun kluge Köpfe so, als verstünden sie einen Vorgang nicht, der eigentlich völlig logisch und absehbar war? Die Antwort liegt in der eigenen Handlungsunfähigkeit.
Wenn man mit einem Ergebnis oder einer Dynamik fundamental nicht einverstanden ist, aber gleichzeitig erkennen muss, dass man keinerlei Einfluss auf die Motive der Gegenseite oder das Resultat hat, bleibt oft nur die Flucht in die Verwunderung. Das „Nicht-Verstehen“ dient hier als moralischer Schutzschild:
1. Delegitimierung durch Unlogik: Indem man behauptet, eine Sache nicht zu verstehen, erklärt man sie indirekt für irrational oder unsinnig. Man entzieht dem Gegenüber die logische Grundlage.
2. Vermeidung der Niederlage: Wer zugibt, dass er die Motive des Gegners sehr wohl versteht, müsste auch anerkennen, dass diese Motive eine eigene (wenn auch unliebsame) Kraft entfaltet haben.
3. Die Pose der Überlegenheit: Man stellt sich über die Sache. „Das ist so abstrus, dass mein Verstand hier aussetzt“ klingt heldenhafter als „Ich sehe genau, was passiert, aber ich kann es nicht verhindern“.
Ohnmacht hinter großen Worten
In Wirklichkeit ist diese zur Schau gestellte Ratlosigkeit das deutlichste Eingeständnis von Machtlosigkeit. Es ist der Rückzug auf die Zuschauerbank, von der aus man den Platzverweis fordert, während das Spiel längst nach anderen Regeln läuft.
Anstatt die unangenehme Wahrheit auszusprechen – nämlich, dass man gegen die vorliegenden Interessen und Realitäten kein Rezept hat –, flüchtet man sich in das sanfte Ruhekissen des „Unverständlichen“.
Echte politische Analyse müsste dort beginnen, wo das Staunen aufhört. Wer nur noch „fremdelt“, hat aufgehört zu streiten. Wer wirklich etwas verändern will, darf nicht so tun, als sei die Welt unbegreiflich, nur weil sie ihm nicht gefällt. Wir sollten anfangen, die Dinge wieder beim Namen zu nennen: Wir verstehen sie meistens sehr gut – wir sind nur schlicht und ergreifend nicht mit ihnen einverstanden.
